Atelier Knorr Kleine

Musik und Bildende Kunst – Eine jahrtausendealte Verwandtschaft

Musik und Bildende Kunst – Eine jahrtausendealte Verwandtschaft

Schon seit der Antike haben Philosophen und Künstler darüber nachgedacht, was Musik und Malerei gemeinsam haben. Beide entstehen aus dem Nichts, hinterlassen Spuren in der Seele des Betrachters oder Hörers – und doch bedienen sie sich scheinbar völlig verschiedener Sprachen. Eine ist flüchtig, die andere beständig. Eine klingt, die andere leuchtet. Und dennoch: In den großen Momenten der Kunstgeschichte haben diese beiden Welten immer wieder zueinandergefunden, sich gegenseitig befruchtet, ja geradezu ineinander aufgelöst.

Die alten Fragen nach dem Gesamtkunstwerk

Die Sehnsucht nach einer Einheit aller Künste ist uralt. Schon Pythagoras suchte in den Zahlenverhältnissen der Musik eine universelle Ordnung, die er ebenso in der Architektur und der visuellen Harmonie wiederzufinden glaubte. Die Idee, dass Klang und Form auf denselben Grundprinzipien beruhen, zieht sich wie ein roter Faden durch die abendländische Kulturgeschichte.

Im 19. Jahrhundert griff Richard Wagner den Gedanken auf und formulierte sein Konzept des Gesamtkunstwerks – ein Werk, das alle Künste in sich vereint: Musik, Dichtung, Malerei, Tanz. Was Wagner auf der Bühne versuchte, beschäftigte zur gleichen Zeit Maler im Atelier: Wie klingt eine Farbe? Welche Form hat ein Akkord?

Kandinsky und der Klang der Farbe

Niemand hat die Verbindung von Musik und Malerei so leidenschaftlich und systematisch untersucht wie Wassily Kandinsky. Für ihn war Farbe nicht bloß optischer Reiz, sondern Schwingung, Energie, innerer Klang. Sein berühmtes Zitat bringt es auf den Punkt: „Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten."

Kandinsky besuchte 1911 in München ein Konzert Arnold Schönbergs und war tief erschüttert. Die atonale Musik, die er dort erlebte, befreite ihn endgültig von der Verpflichtung gegenüber dem Gegenständlichen. Noch unter dem unmittelbaren Eindruck dieser Aufführung entstand Impression III (Konzert) – ein Bild, das keine Noten zeigt und keine Instrumente, und doch nichts anderes ist als gehörte Musik, in Farbe übersetzt.

Seine Gemälde tragen bewusst musikalische Titel: Komposition, Improvisation, Impression. Das waren keine verlegenheitshalber gewählten Bezeichnungen, sondern ein Programm. Malerei als Komposition – mit Rhythmus, Dynamik, Dissonanz und Auflösung.

Die Frage der Synästhesie

Ob Kandinsky selbst Synästhetiker war – ob er also beim Hören tatsächlich Farben sah –, ist bis heute umstritten. Die Synästhesie beschreibt eine neurologische Besonderheit, bei der Sinnesreize unwillkürlich in einem anderen Sinneskanal wahrgenommen werden: Man hört Töne und sieht dabei Farben, oder man schmeckt Formen. Sicher ist, dass Kandinsky das Phänomen kannte, studierte und für seine Theorie der Farbe fruchtbar machte – unabhängig davon, ob er es am eigenen Leib erlebte.

Paul Klee: Musik als Methode

Auch Paul Klee näherte sich der Malerei über die Musik. Er war ein ausgebildeter Geigenspieler und spielte täglich – nicht als Hobby, sondern als innere Notwendigkeit. Für Klee hatten Polyphonie und Kontrapunkt eine direkte bildnerische Entsprechung. In seinen Aquarellen und Zeichnungen lassen sich Strukturen erkennen, die an mehrstimmige Kompositionen erinnern: verschiedene Bildschichten laufen gleichzeitig, unabhängig voneinander, und erzeugen durch ihr Zusammenspiel einen Gesamtklang.

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", schrieb Klee. Das hätte genauso gut ein Musiker über sein Handwerk sagen können.

Klangbilder – wenn Malerei hörbar wird

Die Idee der Klangbilder ist keine Erfindung der Moderne. Sie hat ihre Wurzeln in einer langen Tradition, die vom Stimmungsgehalt der romantischen Landschaft über die Farbentheorien der Impressionisten bis zu den abstrakten Experimenten des 20. Jahrhunderts reicht.

Ein Landschaftsmaler, der sich von Musik inspirieren lässt, malt nicht, was er sieht. Er malt, was er hört – oder genauer: was in ihm entsteht, wenn Hören und Sehen gleichzeitig geschehen. Das Brausen des Windes im Wald, das gedämpfte Licht eines bedeckten Herbsttages, das Rieseln eines Bachs im Gegenlicht: All das hat eine akustische und eine visuelle Dimension, die sich gegenseitig verstärken, wenn man sich ihnen offen nähert.

Solche Werke laden den Betrachter ein, nicht nur zu schauen, sondern zu lauschen – mit den Augen.

Eine Verwandtschaft, die bleibt

Die Verbindung zwischen Musik und Malerei ist keine modische Idee. Sie ist eine der dauerhaftesten Sehnsüchte der Kunst: der Wunsch, das Flüchtige festzuhalten, das Klingende sichtbar zu machen, das Unsagbare in Form zu bringen. Ob es die Proportionen der Renaissance sind, die Farbakkorde des Expressionismus oder die meditativen Klangräume zeitgenössischer Klangbildmaler – immer wieder kehren Künstler zu der Frage zurück, die schon die alten Griechen beschäftigte.

Was ist Kunst, wenn nicht der Versuch, das Innere nach außen zu kehren? Und was ist Musik, wenn nicht Malerei in der Zeit?